Die Villa aus »Reifezeugnis« wechselt den Besitzer

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Da habe ich nicht schlecht gestaunt, als ich den Anruf eines Freundes bekam, der meinen Rat beim Kauf eines Hauses einholen wollte. Er erzählte kurz von dem Objekt und kam dann auf den alles entscheidenden Punkt: „Ach ja, in dem Haus wurde mal ein tatort gedreht!“ – Ich wußte bis dahin nur, dass das Haus in der Holsteinischen Schweiz sein sollte. Insofern konnte ich meinen Freund überraschen, als ich erwiderte: „Ach, du meinst die Villa aus Reifezeugnis in Bosau…“

Ja, diese Villa sollte es sein!

Ich war sprachlos! Ich musste versprechen, dass ich den Verkäufern gegenüber kein Sterbenswörtchen zu meiner tatort-Passion sagen würde, schließlich wolle er nicht als tatort-affiner Spinner abgetan werden, sondern als ernsthafter Kaufinteressent auftreten.

So kam es, dass wir eines Tages im Mai 2014 die Villa besichtigen durften. Ich war aufgeregt wie ein kleiner Schuljunge vor den Zeugnissen. Wie ist es wohl, dieses Haus? Sieht man noch bekannte Spuren aus Reifezeugnis? Waren die Verkäufer auch schon zu Zeiten der Dreharbeiten Eigentümer?
Das alles ging mir durch den Kopf. Die größte Herausforderung für mich war aber: wie schaffe ich es, möglichst viel über Reifezeugnis zu erfahren, ohne mich als tatort-Nerd zu outen und vor allen Dingen: wie sollte ich es schaffen, meinem Freund die erhoffte neutrale Expertise über das Haus zu geben.

Ich hatte kurzfristig überlegt, wo ich einen Mercedes W116 leihen könnte, um die stilechte Vorfahrt hinzubekommen, wie in der Szene, in der Sinas Vater mit dem silbernen Daimler auf die Auffahrt fährt und Michael Harms ihm noch hilft das Tor zu öffnen.
Auch hier war mein Freund bemüht, mir nicht den Spaß zu verderben, aber dennoch seinen Auftritt nicht in meinen Nerd-Schatten zu stellen.

Wir fuhren also (ohne W116) durch das offene (weil nicht mehr vorhandene) Tor auf die Auffahrt, vor eine Garage von den Ausmaßen eines Bunkers. Nach dem Aussteigen erklommen wir die Steigung von der Garage zum Haus hinauf – gefühlte 30m Höhenunterschied.

Am Haus angekommen wurden wir von den Verkäufern in Empfang genommen. Das Haus ist seit November nicht mehr bewohnt, dem Ehepaar wurde es zu groß, nachdem die beiden erwachsenen Kinder den elterlichen Haushalt verlassen haben.

Vom Eingang tritt man durch dein großzügiges und helles Treppenhaus in eine Art offenen Vorraum, der direkt in das imposante Panorama-Wohnzimmer übergeht. Man erinnert sich sofort an die diversen Einstellungen, die in diesem knapp 50 Quadratmeter messenden Raum gedreht wurden. Der Ausblick über die große Sonnenterrasse auf den Großen Plöner See ist gewaltig, man kann sich kaum von diesem Anblick trennen.

TerrasseWeiter geht es durch ein offenes Esszimmer in die Küche – die leider nicht mehr dem Original entspricht.

Neben dem Wohnzimmer liegt dann Sinas Zimmer, welches in der Tat als Kinderzimmer benutzt wurde. Hier sind allerdings weder Fußbodenbelag noch Tapeten aus der damaligen Zeit erhalten, nur der tolle Ausblick über den See.

Wir wurden weiter durch das Haus geführt, welches über fast 400 Quadratmeter Wohnfläche auf zwei Ebenen, ein Schwimmbad und einen Saunabereich verfügt. Zwei große Sonnenterrassen mit Blick auf den See und eine in Serpentinen geschwungene Auffahrt von der Straße zum Haus hinauf runden den mit „imposant“ stark untertriebenen Gesamteindruck ab. Das Haus zeugt in seiner Gesamtheit von einer architektonischen Handschrift, die nicht durch irgendwelche verspielten Details und Schnörkel besticht, sondern durch die konsequente Reduktion auf das Highlight dieses Grundstücks: den Blick über den See, der in größtmöglicher Ausdehnung und ohne Kompromisse aus allen möglichen Perspektiven ermöglicht werden sollte. Die so erschaffenen Räume bieten durch die riesigen Panoramafenster und die – zumindest im Wohnzimmer überdurchschnittliche – Deckenhöhe ein unbeschreibliches Raumgefühl. Viele Details entsprechen dabei dem zur Bauzeit unter Luxus verstandenem Stil: offene, mit Sichtmauerwerk verblendete Kamine im Wohnraum und auf der Terrasse, Travertin-Böden, kupferne Einfassung des Dachvorstands usw. usf. Auch das Schwimmbad im Untergeschoß spricht dieselbe Sprache.

So gesehen, unabhängig vom tatort, ein sehr spannendes Haus, welches in den vier Jahrzehnten seines Bestehens auch schon einige Besitzer hatte: die jetzigen Eigentümer bewohnten es dabei mit Abstand am längsten. Teilweise wechselten die Eigentümer innerhalb nur eines Jahres. Dem Vernehmen nach residierte Anfang der 1980er Jahr sogar mal ein Bordell in diesen Räumen.

Leider hat der Zahn der Zeit an einigen Ecken des Hauses richtig Hunger gehabt. Es wimmelt von kleinen oder größeren Baustellen, die nicht so recht zum früheren Glanz des Hauses passen wollen. Man merkt dabei schnell, dass die bisherigen Eigentümer ihren Abschied schon seit einiger Zeit geplant hatten und keine größeren Investitionen mehr vornehmen wollten.

Ob mein Freund das Haus kaufen wird, ist noch nicht entschieden. Aktuell versuchen wir noch einen Überblick über die erforderlichen Investitionen zu bekommen – wenn diese dann zusammen mit dem Kaufpreis in sein Budget passen, werde ich vielleicht bald Stammgast in der Wolf’schen Villa. Wenn nicht hoffe ich einfach, dass der neue Eigentümer sich des kulturellen Erbes dieser Immobilie bewusst ist und sie dementsprechend erhält bzw. wieder herrichtet.

Ich bin gespannt!

Ach ja: Das Tor zur Garageneinfahrt lagert noch im Originalzustand in der Garage, und ein Teil der Küche, die in einer Sequenz ebenfalls zu sehen ist (als Sina etwas aus dem Kühlschrank holt) steht noch im Hauswirtschaftsraum:

kueche