„Kurzschluss“ (tatort Episode 58, 1975)

Wie schon der erste tatort mit Kommissar Finke, die Episode „Blechschaden“, spielt auch „Kurzsschluss“ zu einem großen Teil in der Kleinstadt Barmstedt im Kreis Pinneberg. Ein Teil des Films spielt in Kiel, wohingegen nicht auszumachen ist, wo zum Beispiel die Verfolgungsjagd stattgefunden haben soll, die mit der Deponierung der Beute bzw. dem Sprung auf den Güterzug endete.

Weitere Informationen zu dieser Episode sind im „tatort-fundus“ erhältlich!

Gleich zu Beginn der Episode ist ein ein kleiner Marktplatz zu sehen, auf dem Ganove Piet Kallweit den weißen VW Käfer vor der „Nordbank“-Filiale abstellt:

Das Szenenbild zeigt Kallweit auf dem Weg in die Bank. Das Gebäude, in dem sich die Bank befindet hat eine markante Architektur, insbesondere die mit anderem Klinker untermauerten Fenster sind auffällig.

Im Sommer 2008 haben der Kollege „Freidahl“ und ich („Finke“ – so lauten unsere Pseudonyme im tatort-forum) uns auf den selben Weg gemacht, wie einst Kommissar Finke und sein Assistent: Wir fuhren von Kiel nach Barmstedt, um uns dort nach den Drehorten von „Blechschaden“ und „Kurzschluss“ umzusehen. Bewaffnet mit einem Ordner Szenenbilder machten wir uns auf die Suche, die zugegebenermassen für dieses Objekt nicht besonders schwierig war:

Ganz offensichtlich: Es ist das selbe Haus, auch wenn die Vorderseite mittlerweile eine durchgängige Schaufensterscheibe hat, so sieht man an der Giebelseite sehr schön das andersfarbig abgesetzte Mauerwerk.

Heute befindet sich keine Bank mehr in dem Gebäude, stattdessen bietet eine Reinigung ihre Dienste an. Dementsprechend verändert zeigt sich das Gebäude von innen. Nach Angaben einer Mitarbeiterin der Reinigung befindet sich im Keller aber noch immer der große Tresor der ehemaligen Bank.

Ein schönes Detail:

Die Eingangstür der heutigen Reinigung scheint noch dieselbe zu sein, vor der schon in „Kurzschluss“ die ungeduldigen „Nordbank“-Kunden nach dem Überfall auf Einlass warteten.

Ein paar Straßen weiter findet der „Kurzschluss“-Kenner noch heute ein ihm vertrautes Bild vor:

Das Gebäude sah beim Besuch in Barmstedt im Sommer 2008 noch genauso aus. Die Leuchtreklame wurde im Laufe der Jahre nicht angefasst, lediglich die Auslagen im Schaufenster wurden den aktuellen Trends angepasst.

Im Laden arbeitet Herr Kraft junior, der sich nicht besonders gut an die Dreharbeiten erinnern kann – ganz im Gegensatz zu seiner Mutter, die uns zwei „komischen Käuze“ kurzerhand an ihren Kaffeetisch lud. Dort berichtete sie uns ausgiebig von den Dreharbeiten, die seinerzeit für ordentlich Aufsehen in dem kleinen Städtchen sorgten.
Wir waren natürlich neugierig und zeigten Frau Kraft unseren Ordner mit den Szenenbildern aus den beiden Episoden. Zu vielen Orten wußte Sie direkt deren Standort zu berichten, von einigen leider auch, dass diese Gebäude mittlerweile nicht mehr existieren.

Zum Schluss interessierte uns dann noch, wie es dazu gekommen ist, dass die Leuchtreklame ihres Geschäftes so „prominent“ abgefilmt wurde – damals war der Begriff der „Schleichwerbung“ in den Redaktionen und Produktionsgesellschaften doch noch gefürchtet und in aller Regel nicht toleriert. Der Hintergrund war ganz einfach: Familie Kraft stellte der Produktion die eigenen Räumlichkeiten als Büro, Garderobe und Aufenthaltsraum zur Verfügung! Frau Kraft sorgte für das leibliche Wohl der Filmschaffenden und als Dankeschön sorget Wolfgang Petersen dafür, dass die Kraft’sche Leuchtreklame dem kleinen Fachgeschäft zu bundesweitem Ruhm verhalf.

Auf der Flucht

Auf seiner Flucht nach dem Bankraub erleidet der gestohlene „Käfer“, mit dem Piet Kallweit unterwegs ist eine Panne.

In der Nähe des Ortes, an dem er liegengeblieben ist befindet sich eine Gaststätte und ein Kiosk. An ebendiesem Kiosk versucht zu der Zeit der Bürsten-Vertreter Karl Höllbrock seine Ware an den Mann zu bringen. Seinen Ford Kombi hat er unweit des Kiosks auf dem Parkplatz abgestellt. Kallweit verschafft sich Zugang zum Wagen und lauert dort Höllbrock auf, die Flucht wird zur Geiselnahme und nimmt ihren Lauf.

 

Gaststätte und Kiosk konnten bisher noch nicht ausfindig gemacht werden:

Auch hier hat „Giacomo“ aus Sülfeld ganz genau hingeschaut und den Tipp gegeben, dass die Werbung am Haus auf das „Gasthaus Schmoll“ hinweist. Vermutlich ist auch dieses Gasthaus irgendwo in der Nähe von Barmstedt, allerdings konnte ich bisher im Internet kein entsprechendes Gasthaus ausfindig machen.

Giacomo sollte recht behalten:

Am 23.02.2013 hat das „Wo-ist-Finke.de“-Ermittler-Team erneut eine Ringfahndung in und um Barmstedt gestartet. Heraus kamen vielversprechende Indizien:

Die Gaststätte im Jahr 2013

Die ehemalige Gaststätte

Das Haupthaus der (ehemaligen) Gaststätte wurde vor Jahren abgerissen, dafür entstand der zweigeschossige Rotklinker-Bau in der Bildmitte. Erhalten geblieben ist der beige Gebäudetrakt mit den fünf Fenstern.

In dem Gebäudekomplex residiert mittlerweile eine Autowerkstatt, deren Inhaber unsere Vermutung bestätigen konnte: Hier wurde einst „Kurzschluß“ gedreht, der Eigentümer der Liegenschaft, ein Gastronom aus Bad Oldesloe, hatte ihm davon berichtet. Wir werden dieser Spur weiter nachgehen!

Die Bahnstrecke

Auf der Flucht springt Kallweit auf einen Güterzug auf, nachdem er sich der Beute in der Nähe eines Hochsitzes entledigt hatte. Die Bahnstrecke ist relativ eindeutig zu bestimmen: Die AKN-Strecke zwischen Kaltenkirchen und Barmstedt ist einspurig und führt durch Wiesen und Felder, die sehr an die Szenen aus Kurzschluß erinnern. Den genauen Drehort gilt es noch zu identifizieren, vorerst nur ein erster Eindruck:

Wo wohnte Karl Höllbrock?

Nach der turbulenten Verfolgungsfahrt, bei der Piet Kallweit den Bürsten-Vertreter Karl Höllbrock als Geisel genommen hatte, fährt letztgenannter mit seinem Kombi zurück zu seiner Wohnung nach Kiel. Dort werden ein paar Szenen aus der Umgebung der offenbar in einem Hofgebäude gelegenen Wohnung gezeigt:

Beim ersten Ansehen dachte ich: ganz einfach! Das kann nur in Kiel-Gaarden eine der zur Förde / Werft führenden Straßen sein: Elisabeth- oder Kaiserstraße bzw. ggf. die Schulstraße. Bei genauerer Betrachtung dieser Szene wurde ich jedoch stutzig: Im linken Bild fährt Höllbrock auf die Kamera zu und biegt unmittelbar auf Höhe der Kamera rechts ab, so ergibt sich das rechte Bild. Im linken Bild sieht man einen typischen Hafenkran, wie es ihn Kiel zu dutzenden rund um die Förde gegeben hat. Im rechten Bild sieht man einen Portalkran, dieser ist typisch für die HDW Werft.

Ein Blick zu google Maps brachte leider wenig Erkenntnisse: einerseits wurden in den letzten Jahren fast alle Hafenkräne rund um die Förde demontiert, andererseits hat sich der Stadtteil Gaarden baulich in den letzten dreissig Jahren so drastisch verändert, dass eine Zuordnung nahezu unmöglich erscheint. Selbst mein streng gehüteter Falk-Plan „Kiel“ in der 13. Auflage von 1968/’69 (geschätzt, leider wird nirgends das Erscheinungsjahr angegeben) konnte mir keine Hilfe sein. Das ist also einer der Drehorte, die es noch ausfindig zu machen gilt.

Edit 11.08.2012:

Eine „wo-ist-Finke.de“-Leserin gab mir den entscheidenden Denkanstoss: Die Portalkräne sind in den oben geschilderten / gezeigten Szenen von Osten zu sehen, es kommen also nicht so viele Orte in Frage, in denen man diese Perspektive „hinbekommt“. Heute dann die Erkenntnis: Es kann sich nur um Ellerbek handeln, genauer gesagt die Straßenzüge zwischen Marinearsenal und der Werftstraße:

Die Punkte „A“ und „B“ bezeichnen die Positionen des Autos von Höllbrock in den obigen Bildern.

So sieht es heute dort aus:

 

Kallweit in Kiel

Auch der Bankräuber Kallweit scheint aus Kiel zu stammen, denn auch er ist einige Augenblicke nach Höllbrock in Kiel zu sehen:

Diese beiden Szenenbilder haben „historischen Wert“: Die Aufnahme wurde am Bahnhofskai gemacht. Auf dem linken Bild ist links ein weißes Gebäude zu sehen, dieses existiert heute nicht mehr. Gleiches gilt für die Fußgängerüberquerung und den Kran im Hintergrund. Die besagte Fußgängerüberquerung führte vom zu den Olypischen Segelwettbewerben 1972 errichteten „Behelfsparkhaus“ über dem Zentral-Omnibus-Bahnhof über die Kaistraße auf den Bahnhofskai bzw. von dort direkt zur „Bahnhofsbrücke“, dem Fähranleger der Schwentine- und Fördeschiffslinien.

Auf der Postkarte von 1979 ist der ZOB gut zu sehen, die Fußgängerbrücke über die Kaistraße existierte aber auch damals schon nicht mehr.

Etwa an dieser Stelle befindet sich seit etwas mehr als zehn Jahren eine Brücke über die „Hörn“ (so heißt das schmale Ende Kieler Förde in Höhe des Bahnhofs). Diejenigen, die nicht nur die tatort-Klassiker schauen, sondern auch die aktuellen Kieler Fälle mit Axel Milberg als „Borowski“ gesehen haben, werden in Episode 673 „Macht der Angst“ diese Brücke gesehen haben (dort wurde anfangs von einem „Sniper“ jemand erschossen).

Der halbseidene Kallweit sucht nach der Rückkehr nach Kiel seine Freundin auf. Diese arbeitet in einer Bar, die zumindest damals mit einer äußerst geschmackssicheren Einrichtung glänzte:

Die Vermutung liegt nahe, dass man sich hier  – wie auch in der Episode „Nachtfrost“ – in direkter Nachbarschaft zum Landesfunkhaus des NDR eine geeignete Kulisse suchte: Zwischen „Wall“ und „Eggerstedtstraße“ befindet sich neben dem Landesfunkhaus auch das Kieler Amüsierviertel mit entsprechenden Lokalen („Tränke“, „Captain Flint“ und wie sie alle hießen und heißen). Welches Lokal genau als Kulisse diente ist fraglich. Vielleicht erkennt ja der eine oder andere Szenekenner von damals die markante grüne Tapete wieder.

Wir haben mittlerweile die Auskunft eines zuverlässigen Zeitzeugen und Szene-Kenners von damals! Demnach handelt es sich bei dem Lokal, in dem Kallweits "Braut" am Tresen steht, um die Diskothek "Marquis" in der Flämischen Straße in Kiel. Die Ausstattung war wohl schon damals unverwechselbar - die Nähe der Flämischen Straße zum Landesfunkhaus des NDR hat ja schon mehreren tatort-Episoden zu einer Kulisse verholfen...

Zurück in Barmstedt

Im Verlauf der Episode folgen einige Einstellungen im Kieler Rotlichtviertel. Da es sich um Innenaufnahmen handelt sind diese nicht einwandfrei zuzuordnen. Dann verlagert sich die Handlung wieder zurück zu Wachtmeister Holger Freidahl und seinem „Fund“. Die Außenaufnahmen in der Innenstadt von Barmstedt sind bei einem Besuch dort sofort wieder zu erkennen. Einzig das Haus der Familie Freidahl konnte bisher nicht ausfindig gemacht werden.

Ganz im Gegensatz zur Kirche:

Oben sieht man zwei Szenenbilder. Der markante Turm der Kirche ist auffällig, man erkennt den Platz („Insel“) rings um die Kirche und sieht im rechten Bild den Eingang am Fusse des Turms.

Internetseite der Heiligen-Geist-Kirche Barmstedt

Das Foto links entstand bei dem Besuch im Juli 2008 in Barmstedt: Bis auf ein paar Sträucher und die Pflasterung hat sich nichts geändert, man könnte die Szene heute genauso noch einmal drehen!

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Die Chemnitzstraße  (Szene aus dem tatort): Das Gebäude der Gaststätte sieht im Vergleich zu 2008 fast unverändert aus. Lediglich die Brauerei-Reklame hat gewechselt. Insgesamt scheint dieser Teil von Barmstedt von großen Veränderungen verschont worden zu sein. Welch Glück 🙂

Es fehlen aber immer noch einige Schauplätze (Kiesgrube, Haus der Familie Freidahl usw.), wer aus der Gegend kommt und mehr weiß möge sein Wissen bitte nicht für sich behalten!