„Nachtfrost“ (tatort Episode 36, 1974)

Der vierte tatort mit Kom. Finke als Ermittler. Diese Episode ist die erste Finke-Episode, die tatsächlich in Kiel spielt – alle vorherigen spielten an anderen Orten in Schleswig-Holstein. Finke repräsentierte dabei die Kripo, die im dünn besiedelten Flächenland Schleswig-Holstein nur von Kiel aus agiert haben soll (was in Wirklichkeit schon damals anders gewesen sein muss).

Mehr zum Inhalt gibt es beim tatort-fundus

Die Schauplätze / Drehorte:

Die Folge „Nachtfrost“ spielt zu einigen Teilen im kieler Rotlicht-Milieu und in einigen Szenen sieht man ganz hervorragend die von Kielern heute noch „Küste“ genannte Häuserzeile entlang des Sartori-Kais an der Kreuzung der Straßen „Wall“, „Flämische Straße“ und „Schuhmacherstraße“.

Eine zentrale Rolle in „Nachtfrost“ spielt die Modell-Wohnung des Mordopfers in der „Seiboldstraße“.
gut zu sehen ist die Straßenbahn der Linie 4
Eine solche Straße hat es in Kiel nie gegeben (Quelle: Landeshauptstadt Kiel, Stadtvermessungsamt). In den Außenaufnahmen sind jedoch einige markante Punkte zu erkennen: einerseits hat das besagte Gebäude einen sehr individuellen Grundriss, andererseits sieht man sehr gut und deutlich die Ansicht der beiden großen Portalkräne der „Howaldswerke Deutsche Werft AG“ (heute: ThyssenKrupp Marine Systems – HDW). Aufgrund dieser Ansichten ist relativ schnell klar, dass die Aufnahmen irgendwo in Gaarden (östlicher Stadtteil von Kiel) gemacht worden sind. Zudem fährt in einigen Szenen die Straßenbahnlinie 4 durchs Bild, was ebenfalls für Gaarden spricht. Folgt man dem damaligen Verlauf der Linie 4 in Richtung HDW-Gelände, so stößt man an auf ein Grundstück an der Elisabethstraße, eingegrenzt zwischen Werftstraße und Hügelstraße. Dank google-Maps kann man heute schnell und einfach erkennen, dass es sich bei diesem Grundstück um die fiktive Seiboldstraße 24 handeln muß.

Oben ein Bild aus dem Jahr 2012: Es ist das Haus mit der fiktiven Anschrift „Seiboldstraße“.

Mittlerweile habe ich von „wo-ist-Finke.de“-Leser  Andreas Neubauer auch die Verifizierung bekommen:

«Sehr geehrter Nachtfrost-Fan,
Es ist schon komisch, und man merkt daran, daß man alt wird, wenn Leute eine Webseite schalten, um Details eines Films herauszukriegen. Um es kurz zu machen, ich bin der Informant, den Sie suchen.
Das ominöse Gebäude, dasSie suchen, ist die Glasgroßhandlung meiner Familie in der Elisabethstr. Ecke Hügelstr. in Kiel Gaarden. Im Winter 71 / 72 besuchte uns der Regisseur und bat um die Genehmigung, das Areal für die Dreharbeiten zu nutzen. Zu Ostern ging es dann los: nur wenige Filmbauten waren nötig.
Neben Kommissar Finke erinnere ich mich besonders an den Sohn von Hanns Lothar, der den „duchgekifften“ Junior auch im tatsächlichen Leben gab.
Zu den Fimbauten gehörte auch der Zeitungskiosk, der so echt aussah, daß echte Einbrecher ihn bei Nacht heimsuchten.
Als Student spielte ich verschiedene Statistenrollen. Zum Beispiel einen „Zivilbeamten“, der dem Zeitungsverkäufer von Fincke als möglicher Täter präsentiert wird.
Auch Innenaufnahmen gab es. So telefoniert Finke aus dem Büro meines Vaters, mit Blick auf die Werftkräne.

Hier noch einige Anekdoten:

  • Der Zeitungsverkäufer konnte nur entweder sprechen oder laufen, so daß die Szene mit „Her Kommissar, Her Kommissar“ etwas merkwürdig wirkt.
  • Das Dreirad, ausgeliehen vom Museum Tremsbüttel, stürzte beim Einbiegen in den Hof um.
  • Ich selbst bin bei der „Flucht“ vom Hof mit dem Orangenen Opel, fast mit der Staßenbahn zusammengestoßen.
  • Die Uniform des Polizisten, der vor der Wohnung der Getöteten stand, war deutlich zu groß. . .

Heute befindet sich  in dem Gebäude eine Moschee. Die Liegenschaft ist aber sonst nur wenig verändert.

Als KIeler muß ich anmerken, daß der „Zuhälter“ für Insider einen sehr merkwürdigen „Kurs“  durch KIel steuert. Das hat er mit dem „Modernen“ Borowski gemein. . .“  […]

Die Druckerei ist meines Wissens in der Werftbahnstraße und wude später von Jens Nieswandt übernommen, der dort die WERNER comics druckte. […]

Übrigens, Geld floß damals für die Gestellung des Drehortes nicht. Das Amt eines Location Scouts gab es auch nicht. Ein großer Firmen Namenszug, am Bürohaus rechts, warb allerdings für uns. Der Regisseur klingelte einfach an unserer Tür, ich ließ ihn herein mit den Worten, „gute Geschichte, aber wenn Sie nur ein Vertreter sind, fliegen Sie raus.“ […]

Nach der Nutzung als Glasgroßhandlung wartete die Firma THOMSON csf Elektronik hier Radarsysteme fir die Bundesmarine, bevor der Komplex an die Türkische Gemeinde verkauft wurde.«

 

im Hintergrund der Kiosk, dahinter das Gebäude der Technischen FakultätOb der Kiosk, dessen Inhaber ja einer der wichtigsten Zeugen der Episode ist, tatsächlich dort gestanden hat ist bisher nicht nachvollziehbar. Heute befindet sich an der Stelle eine Bushaltestelle, die besagte Straßenbahn existiert seit 1984 nicht mehr.

Auf Höhe des roten VW-Bus muss der improvisierte Kiosk gestanden haben.

Ein anderer, sehr markanter Drehort ist die Gaststätte, in der die Kriminalassistentin einen Herren identifizieren soll, der nach dem Tode Renate Plikats auf ihrem Anschluss in der Seiboldstraße angerufen hat. Diese Gaststätte existierte bis vor ca. zwei Jahren nahezu unverändert und hieß zuletzt „DAB Stuben“ (Kleiner Kuhberg / Europaplatz,  Innenstadt). Heute befindet sich dort eine andere Gaststätte, der Gastraum wurde aber ganz deutlich umgestaltet.

In mehreren Szenen ist das Büro von Kom. Finke zu sehen, im Hintergrund immer der prominente Ausblick auf die Kieler Förde. In Wirklichkeit war dort nie die Kriminalpolizei beheimatet sondern seit jeher das Landesfunkhaus Kiel des NDR (zwischen Eggerstedtraße und Wall, neben dem Schloß), in direkter Nachbarschaft zur besagten „Roten Meile“.

Gegenüber war bis vor einigen Jahren der „Oslo-Kai“, der Anleger für die Fähre nach Norwegen (heute befindet sich dort das Kreuzfahrt-Terminal, die Oslo-Fähre legt seit einigen Jahren am Ostufer am neu gebauten Norwegen-Kai an – übrigens unweit der „Seiboldstraße“). In einer Szene dieser Episode sieht man das alte Fährschiff „Kronprins Harald“. Ich vermute, dass einige Einstellungen / Szenen sich aus rein praktischen Gründen „ergeben“ haben: die Nähe des NDR zu den Schauplätzen des Rotlichtviertels, zum Oslo-Kai usw.

Im weiteren Verlauf taucht eine Szene auf, in der Finke sich offensichtlich auf einem Klinikgelände aufhält:

Hier bin ich ratlos, wo sich dieser – doch recht markante – Torbogen befindet. Auf dem Campus der Uni-Klinik wüßte ich nicht, wo sich ein solches Portal befinden könnte. Vielleicht existiert dieses Bauwerk aber auch schon nicht mehr, da insbesondere in der 1970er Jahren einige Neubauten auf dem Campus entstanden sind, denen unter Umständen dieses Gebäude weichen musste.

EDIT: „Giacomo“ aus Sülfeld hat mal wieder den richtigen Riecher gehabt und herausgefunden, dass dieses Gebäude nicht in Kiel steht sondern in Hamburg! Es handelt sich um das Portal des AK Ochsenzoll (heute: Asklepios Klinikum Nord). Das Portal selbst sieht noch so aus wie zu Finkes Zeiten, allerdings wurde im Hintergrund ordentlich gebaut. Ich war leider noch nicht vor Ort und kann daher nur einen Screenshot der „Bing“-Vogelperspektive liefern:

Die Flämische Straße / Die „Rote Meile“

Diese Straße ist auch heute noch eine feste Größe im kieler Nachtleben. Die Blickrichtung aus dem Streifenwagen geht in Richtung Alter Markt / Eggerstedtstraße.

Das Parkhaus auf der rechten Seite befindet sich noch in „Originalzustand“ (was nicht unbedingt als Kompliment zu verstehen ist…), die Gebäude im Hintergrund sind auch heute noch nahezu unverändert. Noch! Es gibt seit längerem Pläne das Quartier um das Kieler Schloß „aufzuwerten – man darf also gespannt sein, wie lange man diesen Drehort noch so leicht wieder erkennen kann.

Das Szenenfoto rechts ist die Anfangsszene der Verfolgungsjagd nach dem „Luden“ Heiko Schulz. Schön zu sehen ist hier im Hintergrund das Kieler Schloß (für alle ortsunkundigen sicher verwirrend: das Schloß ist der geklinkerte Kubus im Hintergrund). Das weiße Gebäude mit dem Satteldach und das daneben befindliche, eingerüstete Haus gehören zum Landesfunkhaus des NDR. Am rechten Bildrand sieht man das Schifffahrtsmuseum. Die Aufnahme wurde vermutlich vom Dach des „Sartori-Speichers“ aufgenommen, dem letzten erhaltenen Speicher-Gebäude an der Innenförde.
Die Verfolgungsjagd offenbart dann einige „Postkartenansichten“ Kiels – zudem auch welche mit fast historischem Wert:

 

Der Straßentunnel – damals noch recht neu – ist die Unterführung der B 503 unter der Projensdorfer Straße. Im Hintergrund sieht man die Studentenwohnheime an der Projendsorfer Straße. Von diesem Blickpunkt aus dürften die beiden Gebäude heute nicht mehr zu erkennen sein, da im Verlaufe der fast 40 Jahre das Gebiet und um den Tunnel zugewachsen ist.

Diese Szene zeigt ein Motiv mit „historischer Bedeutung“: Die „Prinz-Heinrich-Brücke“, die von Kiel-Wik in den Stadtteil Holtenau über den Nord-Ostsee-Kanal führte.

Zu den Olympischen Segelwettbewerben 1972 in Kiel-Schilksee wurde für den erwarteten starken PKW-Verkehr in Richtung Schilksee parallel zu dieser Brücke eine moderne selbsttragende Brücke gebaut (von dieser wurden die Filmaufnahmen gemacht). Nach dem Abriss der Prinz-Heinrich-Brücke wurde an deren Stelle eine der neuen „Holtenauer Hochbrücke“ fast identische Brücke gebaut, so dass der Verkehr auf der B503 nun vierspurig über den Kanal führt.

Am Rande sei noch erwähnt, dass im Zuge der Vorbereitungen auf die Olympischen Segelwettbewerbe auch darüber nachgedacht wurde zusätzlich zu den Fahrspuren Straßenbahngleise über den Kanal bis nach Schilksee zu führen, was aus Sicht der Kommunalpolitiker damals immense Vorteile gehabt hätte. Aus Kostengründen hat man damals darauf verzichtet, und der Straßenbahn somit eine interessante Streckenführung vorenthalten, was nicht zuletzt zum Ende der Straßenbahn in Kiel geführt haben soll, da es im wiederaufgebauten Kiel immer weniger lukrative Strecken gab. Mittlerweile wird in der Kommunalpolitik wieder laut über den Bau einer „Stadt-Regional-Bahn“ rund um die Kieler Förde nachgedacht – mit etwas Weitsicht hätte man heute deren 40. Jubiläum feiern können…

Die Verfolgungsjagd findet ihr Ende an der Kreuzung Kanalstraße / Friedrich-Voß-Ufer / Gravensteiner Straße in Holtenau. Im Hintergrund sieht man den Nord-Ostsee-Kanal mit den typischen Dalben.

Wenn man genau hinsieht erkennt man die Werbeaufschrift auf dem „Tempo“ von Renate Plikats Stiefvater. Bei der Ortsangabe ist dem Requisiteur offenbar ein kleiner Fauxpas unterlaufen: dort steht „Flintbeck“ – der Ort in der Nähe Kiels heißt aber „Flintbek“ (ohne „ck“). Fairerweise muß man allerdings sagen, dass die meisten Einheimischen den Ort mit einem „harten k“ sprechen, aber das zählt zu den sprachlichen Besonderheiten dieses Landes, in dem es einige Fallstricke für Zugereiste gibt (oder wer stammt aus Bayern und kann „Laboe“ und „Bad Oldesloe“ richtig aussprechen?)

Ein kleiner Nachtrag

Über das „tatort-Forum“ wurde ich durch den User „Itzenbüttel“ darauf aufmerksam gemacht, dass einige Szenen aus „Nachtfrost“ weit weg von Kiel in Jesteburg im Süden Hamburgs gedreht wurden! Hier „Itzenbüttels“ Beitrag im Forum:

Einige Episoden von Nachtfrost wurden gar nicht in Schleswig-Holstein gedreht, sondern in der Gemeinde Jesteburg (Nordheide) im nördlichen Niedersachsen:

Im 1. YouTubeVideo findet man von 6:09 bis 6:15 eine Durchfahrt durch den Ortsteil Itzenbüttel (Straße Itzenbütteler Sod A bis B auf google-Karte).

Link auf google-maps

Die Zufahrt zur Villa von Bertrams Eltern (ab 14:50) wurde im Ortsteil Osterberg gedreht (von C auf google-Karte Richtung Itzenbüttel das erste Haus rechts).

Im 6. Teil des Videos findet man 5:27 bis 5:57 einen Polizeiaufmarsch auf dem Itzenbütteler Waldweg in Itzenbüttel (D bis E).

Einige der vorherigen und folgenden Waldszenen sind möglicherweise im angrenzenden Klecker Wald gedreht worden. Die Hütte ist mir allerdings unbekannt, und die Lichtungen sind jetzt 38 Jahre später wohl alle zugewachsen.

Die Videos wurden von youtube mittlerweile gelöscht (da besteht Studio Hamburg auf dem Urheberrecht), die markierte Karte auf google-Maps funktioniert aber noch!
Ich bin leider noch nicht dazu gekommen mir selbst ein Bild vor Ort zu machen, werde dies aber bei Gelegenheit mal nachholen.

Kiels Schokoladenseite darf natürlich in keinem Film fehlen: Das Hindenburgufer, die Straße direkt an der Förde. Im Hintergrund zu sehen ist die „Deutsch Nordische Burse“, ein Studentenwohnheim, welches noch heute fast unverändert so aussieht.

 

 

 

 


„Nachtfrost“ gehört mit zu meinen persönlichen Lieblings-Episoden – nicht zuletzt wegen des „Lokalkolorits“. Ich lebe seit 2001 in Kiel, habe dort während meiner Studienzeit als Taxifahrer gearbeitet und habe – auch wenn ich mittlerweile etwas außerhalb wohne – hier als Exil-Niedersachse eine Heimat gefunden.

 

Die Suche nach den Finke-Drehorten ist berufsbedingt bei mir leider etwas ins Stocken geraten. Dank der detailliert ausgearbeiteten Hinweise von „Giacomo“ aus Sülfeld zu dieser Episode, die er mir kürzlich per e-Mail zugesandt hat, konnte ich nicht umhin den Eintrag zu dieser Episode fertig zu stellen.

Natürlich gilt auch hier: Weitere Informationen und Hinweise zu dieser oder den anderen Folgen sind herzlich willkommen! Bei „Nachtfrost“ würden mich noch die Villa von Bertis Eltern und die Druckerei in Flintbek interessieren. Die Villa könnte wirklich irgendwo in Schulensee an der Eider stehen, die Druckerei könnte überall sein… Aber vielleicht erkennt ja jemand die Orte wieder?!?
(„Finke“ aka. Jan von Bargen, Oktober 2010)